„Das Gesetz des Geschlechts“ – ein Buch von Laure Murat darüber, wie das „dritte Geschlecht“ im Frankreich des 19. Jahrhunderts erfunden wurde
Die Arbeit untersucht, wie Medizin, Polizei und Literatur von 1835 bis 1939 die Bilder von Trans-Personen und Homosexuellen prägten.
Im April 2026 erschien im Flammarion-Verlag eine Neuauflage des Buches von Laure Murat, Das Gesetz des Geschlechts: Eine Kulturgeschichte des dritten Geschlechts (La loi du genre: Une histoire culturelle du troisième sexe).
Die französische Forscherin erzählt, wie die Gesellschaft des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts versuchte, Menschen unter Kontrolle zu bringen, die nicht in den üblichen Rahmen von männlich und weiblich passten.
Das Buch umfasst den Zeitraum von 1835 bis 1939. In dieser Zeit taucht in Frankreich der Begriff des „dritten Geschlechts“ auf. Damals war dies ein Sammelbegriff. Er beschrieb alle, die gegen Geschlechternormen verstießen: homosexuelle Männer, Frauen in Männeranzügen, androgyne Feministinnen und so weiter.
Der Hauptgedanke von Murats Studie ist es zu zeigen, wie abweichende Sexualität und abweichendes Geschlechterverhalten in dieser Zeit aufhörten, nur ein Verbrechen zu sein, und zu einer Krankheit wurden.
Sie stützt sich auf unveröffentlichte Polizeiarchive, medizinische Abhandlungen und Literatur. Murat beschreibt, wie die Pariser Polizei zur Zeit von Honoré de Balzac Razzien auf sogenannte „Tanten“ (tantinettes) durchführte – feminine Männer, die sich in geheimen Clubs versammelten.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts übernahmen die Psychiater die Rolle der Polizei. Sie begannen, „Invertierte“ (Menschen mit „umgekehrter“ Geschlechtsidentität und Sexualität) zu untersuchen und darüber zu streiten, ob diese Eigenschaft angeboren oder erworben sei. Ein Verhalten, das früher nur die Gerichte interessierte, wurde zum Gegenstand der Wissenschaft.
Ein eigenes Kapitel widmet sich der Frauenemanzipation: Das Aufkommen des Fahrrads in den 1880er Jahren und die Mode, Hosen zu tragen, zerstörten das traditionelle Frauenbild, was bei Moralisten Panik auslöste. Das Buch endet mit den 1930er Jahren, als die ersten dokumentierten Zeugnisse von Trans-Erfahrungen und Versuche einer chirurgischen Transition auftauchen.
Neben medizinischen und polizeilichen Dokumenten analysiert Laure Murat, wie sich das „dritte Geschlecht“ in der französischen Prosa widerspiegelte. Sie untersucht ausführlich die Werke von Marcel Proust, Sidonie-Gabrielle Colette und André Gide. Professionelle Kritiker heben insbesondere diesen Teil der Studie hervor. Die Historikerin Aude Fauvel merkt in einer Rezension für die Zeitschrift Clio an, dass die Analyse von Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (À la recherche du temps perdu) eine der größten Stärken des Werkes sei.
In Rezensionen der akademischen Gemeinschaft wird Murats wichtigste Schlussfolgerung hervorgehoben: Jede Epoche schafft ihr eigenes Vokabular, um diejenigen zu beschreiben, die sie herausfordern. Das Gesetz des Geschlechts beweist, dass unsere modernen medizinischen und sozialen Vorstellungen von Geschlecht keine ewigen Wahrheiten sind, sondern ein Konstrukt, das Ergebnis eines historischen Prozesses.
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