Forschungen des chinesischen Sexologen Li Shiu Tong aus den 1930er Jahren: Partner von Magnus Hirschfeld war seiner Zeit voraus

Im Oktober 2026 rückten Fachhistoriker und Medien das wissenschaftliche Erbe des chinesisch-kanadischen Sexologen Li Shiu Tong (1907–1993) erneut in den Blickpunkt. Seine jahrzehntelangen Beobachtungen zur menschlichen Sexualität aus den 1930er bis 1950er Jahren nahmen moderne Erkenntnisse um Jahrzehnte vorweg. Lange Zeit stand Li im Schatten seines berühmten Mentors und Partners, des deutschen Sexualforschers Magnus Hirschfeld, doch seine eigenen Manuskripte boten eine grundlegend andere Perspektive auf die Häufigkeit von Homosexualität und Bisexualität.
Wie das US-Magazin LGBTQ Nation berichtet, begegnete der damals 24-jährige Medizinstudent Li dem 63-jährigen Hirschfeld im Jahr 1931 in Shanghai während dessen weltweiter Vortragsreise. Li schloss sich Hirschfeld als Assistent und Reisebegleiter auf Stationen durch Ostasien und die USA an, woraus sich eine enge romantische und intellektuelle Partnerschaft entwickelte. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 und der Zerstörung des Berliner Instituts für Sexualwissenschaft konnte Hirschfeld nicht zurückkehren und verbrachte seine letzten Lebensjahre mit Li im französischen Exil. In seinem Testament von 1935 setzte Hirschfeld Li Shiu Tong und Karl Giese zu seinen alleinigen Erben und Nachlassverwaltern ein.
Über Jahrzehnte nahm die Geschichtsschreibung an, Li habe nach Hirschfelds Tod in Nizza keine wissenschaftlichen Forschungen mehr verfolgt. Anfang der 2000er Jahre spürte Ralf Dose, Mitbegründer der Berliner Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, jedoch einen Nachlass auf, den der Nachbar Adam Smith 1994 nach Lis Tod in Vancouver aus einem Müllcontainer gerettet hatte: Hirschfelds Totenmaske, Bücher und unveröffentlichte Manuskriptentwürfe Lis. Die Historikerin Laurie Marhoefer von der University of Washington, Autorin der Studie Racism and the Making of Gay Rights (2022), hebt hervor, dass Li über Jahrzehnte hinweg weltweit Daten über menschliches Sexualverhalten sammelte. In seinen Notizen schätzte Li, dass rund 40 % der Menschen bisexuell, 20 % homosexuell, 30 % heterosexuell seien und 10 % andere sexuelle oder geschlechtliche Variationen aufwiesen. Transgeschlechtlichkeit beschrieb er dabei als natürlichen und bereichernden Bestandteil des Menschseins.
Diese Zahlen wichen deutlich von Hirschfelds Annahme ab, der Homosexualität zwar als angeborene biologische Variante, jedoch als vergleichsweise seltenes Phänomen betrachtete. Lis Überlegungen nahmen die Kinsey-Reports der späten 1940er Jahre und heutige Modelle sexueller Fluidität vorweg. Historiker weisen allerdings darauf hin, dass Lis Schätzungen wissenschaftlich mit Umsicht bewertet werden müssen: Es sind nur Entwürfe ohne vollständige statistische Methodik überliefert, und die Befunde könnten durch die spezifischen Milieus geprägt gewesen sein, in denen Li sich bewegte. Marhoefer betont zudem, dass eurozentrische Sichtweisen und rassistische Vorurteile des 20. Jahrhunderts dazu beitrugen, dass Li von der westlichen Forschung lange lediglich als Gehilfe und nicht als eigenständiger Forscher wahrgenommen wurde.
Magnus Hirschfeld (1868–1935) war ein wegweisender deutscher Arzt und Sexualwissenschaftler, Mitbegründer des Wissenschaftlich-humanitären Komitees und Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft in Berlin. Li Shiu Tong studierte nach Hirschfelds Tod in Wien, Zürich und an der Harvard University, arbeitete zeitweise im diplomatischen Umfeld und lebte bis zu seinem Tod 1993 in Kanada.
Zuvor beleuchtete „Uránia“ den Einfluss der frühen europäischen Sexualwissenschaft und das Wirken Magnus Hirschfelds auf das gesellschaftliche Denken in einem Beitrag über Wladimir Nabokow und die russische Queer-Geschichte.


