Göttin Nephthys — eine Lesbe?
Was die Quellen über die altägyptische Göttin der Nacht sagen.
Inhalt

Wer ist Nephthys
Nephthys ist eine altägyptische Göttin aus der heliopolitanischen Neunheit — einer Gruppe von neun Hauptgottheiten, die in Heliopolis verehrt wurden.
Ihr Name lautete auf Ägyptisch Nb.t-ḥw.t und bedeutete wörtlich „Herrin des Hauses" / „Herrin des Tempels", also Gebieterin des heiligen Raumes. Dieser Name verknüpft Nephthys unmittelbar mit Kult, Tempel und Ritual.
Nephthys gehört zum zentralen göttlichen Geschlecht der ägyptischen Mythologie. Sie ist die Tochter der Himmelsgöttin Nut und des Erdgottes Geb sowie die Schwester von Isis, Osiris und Seth. Damit steht sie im Zentrum der großen mythologischen Erzählungen über die Weltordnung und die Vorstellungen vom Jenseits.
Ihre Rolle tritt am deutlichsten im Osiris-Mythos hervor. In diesem Mythos tötet Seth, der Chaos und Zerstörung verkörpert, seinen Bruder Osiris und zerstückelt dessen Körper. Danach handelt Nephthys gemeinsam mit Isis. Isis, die Gattin des Osiris und Göttin der Magie, betrauert den toten Gott; beide Schwestern suchen die Körperteile, setzen sie zusammen und helfen, Osiris für die Bestattung vorzubereiten. Das Bild der zwei Schwestern, die gemeinsam den toten Gott beweinen und beschützen, wurde zu einem wichtigen Motiv der ägyptischen Religion: Es zeigte, dass der Tod durch das richtige Ritual und die rituelle Fürsorge überwunden werden kann.
Aus dieser Funktion erwuchs die Bestattungsrolle der Nephthys. Man betrachtete sie als eine der Hauptgöttinnen des Totenkults. Sie beschützte die Verstorbenen, bewachte Mumien und war symbolisch bei Bestattungszeremonien anwesend. Man glaubte, dass Nephthys den Körper des Toten schütze und ihm auf dem Weg ins Jenseits helfe. Deshalb wurden ihre Darstellungen häufig auf Sarkophagen und in Gräbern neben Isis angebracht — als Zeichen göttlichen Schutzes.
In den ältesten religiösen Quellen, den Pyramidentexten, erhält Nephthys eine weitere wichtige Rolle: Sie tritt als Gottheit der Nacht auf. Die Ägypter stellten sich die Bewegung der Sonne als Fahrt auf einer Barke über den Himmel und durch die Unterwelt vor. Tagsüber begleiten die Sonnenbarke bestimmte Kräfte, nachts andere. In diesem Schema ist Isis mit dem Morgen- und Tagesweg verbunden, während Nephthys die Sonnenbarke in der Nacht begleitet. So wird ihre Verbindung mit Dunkelheit, Übergang und der verborgenen Seite des Daseins betont — mit einem Zustand des „Dazwischen", der dem Weg der Toten entspricht, wenn die Seele das frühere Leben bereits verlassen hat, aber die Wiedergeburt noch nicht erreicht ist.
In der Kunst wurde Nephthys häufig mit ausgebreiteten Flügeln oder in Gestalt eines Raubvogels dargestellt — meist eines Geiers oder Falken. Ihre Flügel bedecken Kopf und Schultern des Verstorbenen und symbolisieren Schutz und Schirmherrschaft. Die Raubvögel selbst wurden mit dem Himmel und göttlicher Obhut verbunden.
Ihre Kultattribute waren leicht erkennbar. Auf dem Kopf der Nephthys stellte man die Hieroglyphen „Haus" und „Korb" dar, die zusammen ihren Namen ergeben. In den Händen hielt sie häufig magische und königliche Symbole: das Was-Zepter, verbunden mit Macht und Ordnung, das Anch — Zeichen des Lebens —, sowie weitere Zeichen für Schutz und Magie.
In späteren Texten erweitert sich das Bild der Nephthys. Sie wird als Göttin der Hilfe und Unterstützung beschrieben, fürsorglich und wohltätig; mitunter wurde sie sogar die „Mutter" des Pharaos genannt. Zugleich erkannte man ihr eine furchteinflößende Seite zu: Man glaubte, sie könne Feuer speien und die Feinde des Pharaos verbrennen, um seine Macht und die Ordnung im Land zu schützen.
Trotz alledem blieb Nephthys in der Regel zweitrangig im Vergleich zu Isis. Sie verfügte nicht über einen ebenso großen eigenständigen Kult, keine bedeutenden eigenen Tempel und nicht über dieselbe Popularität im Volk. Meist wurde sie gemeinsam mit Isis und Osiris verehrt — als Teil eines gemeinsamen mythologischen Kreises, in dem sie eine wichtige, aber unterstützende und stärker „im Schatten" liegende Rolle spielte.
Warum Nephthys als Lesbe bezeichnet wird
In manchen zeitgenössischen Texten über altägyptische Götter wird Nephthys als „LGBT-Ikone" bezeichnet. Man beschreibt sie auch als „lesbische Göttin" oder, im Gegenteil, als eine Gestalt jenseits der Sexualität.
Solche Deutungen stützen sich gewöhnlich auf eine Formel aus den Pyramidentexten. In einem Fragment wird Nephthys als „Ersatz ohne Vulva" bezeichnet; in einer anderen Übersetzungstradition findet sich eine Variante wie „unechte (imitierte) Frau ohne Vagina".
Wörtlich gelesen wirkt diese Formel wie eine Körperbeschreibung und kann leicht als Anspielung auf Sexualität aufgefasst werden. Im Text selbst funktioniert sie jedoch anders. Die Passage zählt Gottheiten auf, die in einem „schlechten Kommen" erscheinen können, also in einer gefährlichen und unzulässigen Form. Solche Bezeichnungen erfüllen eine rituelle Funktion: Etwas zu benennen heißt, es unschädlich zu machen, ihm die Kraft zu nehmen und ein unerwünschtes Eindringen zu stoppen.
Das zweite Argument bezieht sich auf das Paar Nephthys — Seth. Wenn Nephthys als „Ersatz ohne Vulva" bezeichnet wird, deutet man ihre Verbindung mit Seth als formal oder körperlich nicht vollzogen. Im mythologischen Material fehlt diesem Paar tatsächlich das, was man von einer festen göttlichen Familie erwartet: keine gemeinsame Geschichte, keine gemeinsamen Taten, keine Nachkommenslinie. Die Ehe existiert, „funktioniert" aber nicht auf die erwartete Weise.
Gesondert wird in solchen Deutungen der Mythos von der Geburt des Anubis herangezogen. In einer Version empfängt Nephthys Anubis nicht von Seth, sondern von Osiris: Sie nimmt die Gestalt der Isis an und vereinigt sich mit Osiris durch Täuschung.
Daraus ziehen populäre Medien folgenden Schluss: Wenn Nephthys keine Kinder von ihrem Ehemann hat, wenn sie als „Ersatz" beschrieben wird und wenn sie ständig an der Seite von Isis steht, dann kann man sie als Lesbe bezeichnen. In Blogs sowie in neuheidnischen und esoterischen Projekten werden solche Etiketten nicht selten ohne Vorbehalte verwendet und ohne den Versuch, sie mit der altägyptischen Sprache und dem dortigen Vorstellungssystem abzugleichen.
Aus wissenschaftlicher Sicht muss man hier innehalten. In den altägyptischen Quellen gibt es keine direkten Hinweise auf sexuelle Beziehungen der Nephthys zu Frauen. Im Alten Ägypten gab es auch keine Sprache der „Orientierungen" im modernen Sinne. Selbst die markante Formel aus den Pyramidentexten ist in einen rituellen Kontext eingebettet und muss weder Anatomie noch intime Praktiken beschreiben. Daher hat die Behauptung „Nephthys war eine Lesbe" keine wissenschaftliche Grundlage: Die Quellen bestätigen das nicht, und selbstsichere Aussagen bleiben hier Spekulation.
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Dennoch bietet sich für eine queer-analytische Perspektive durchaus Material. Nephthys ist beständig gegenüber den vertrauten Rollen verschoben: Sie verfestigt sich nicht in der Rolle einer eindeutigen Ehefrau und Mutter, ihre Verbindung wird nicht zu einer stabilen Familienlinie, und ihre Gegenwart in rituellen Formeln wird durch Ersetzung und „falsches Kommen" beschrieben — also durch eine Störung der erwarteten Ordnung.
Das macht sie nicht zur „Lesbe". Doch eine solche Figur zeigt, dass altägyptische Texte eine weibliche Gestalt zulassen, die nicht auf Fortpflanzung und häusliche Funktion reduziert wird. In diesem Sinne ist Nephthys ein Beispiel dafür, wie Mythos und Ritual Weiblichkeit jenseits des üblichen Pflicht- und Rollenrepertoires konstruieren können.

Literatur und Quellen
- Mercer, The Pyramid Texts, 292; Pinch, 171
🏺 LGBT-Geschichte des Alten Ägypten
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