Das erste homoerotische Bild der Geschichte — die Felsritzungen der Addaura-Höhlen

Akrobaten, ritueller Tanz oder homosexueller Akt?

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Das erste homoerotische Bild der Geschichte — die Felsritzungen der Addaura-Höhlen

Die Höhlen von Addaura

Die prähistorische Kunst auf Sizilien erschien später als in einigen anderen Regionen Europas. Die frühesten Spuren künstlerischer Tätigkeit in Süditalien werden gewöhnlich auf einen Zeitraum von etwa 16 000 bis 15 000 Jahren datiert. Zum Vergleich: In Spanien sind Zeugnisse prähistorischer Kunst bereits seit rund 40 000 Jahren bekannt.

Der Addaura-Komplex befindet sich am Hang des Monte Pellegrino auf Sizilien. Er besteht aus drei Grotten. Eine Grotte ist in diesem Fall keine tiefe Höhle, sondern eher eine flache, halbunterirdische Nische im Fels: Der vordere Teil ist offen, das Innere reicht nicht tief. Solche Aushöhlungen entstehen durch Erosion, wenn Wasser und Wind das Gestein allmählich abtragen.

An den Wänden der Addaura-Grotten haben sich zahlreiche Felsritzungen erhalten. Sie wurden Mitte des 20. Jahrhunderts entdeckt. 1943, nach der alliierten Landung auf Sizilien, dienten die Grotten während des Zweiten Weltkriegs als Munitionslager. Dann kam es zu einer zufälligen Explosion. Teile der Wände stürzten ein, und Bilder, die bis dahin unter Schutt und Gesteinsschichten verborgen gewesen waren, kamen zum Vorschein.

Die italienische Archäologin Jole Bovio Marconi beschrieb und analysierte die Funde als Erste ausführlich. Ihre Ergebnisse veröffentlichte sie 1953. Seit 1997 ist der Zugang zu Addaura wegen Felssturzgefahr gesperrt. Bis 2012 hatte sich der Zustand der Stätte durch Vernachlässigung und Vandalismus verschlechtert.

Die erste Darstellung eines homosexuellen Geschlechtsakts in der Geschichte?

Die Ritzungen, die in etwa 70 Metern Höhe über dem Meeresspiegel gefunden wurden, werden dem Epipaläolithikum zugeordnet. Es handelt sich um eine Übergangszeit zwischen dem späten Paläolithikum und dem Mesolithikum: Das Klima veränderte sich, die Lebensweise wurde allmählich komplexer, Werkzeuge wurden verbessert, und die Menschen lebten häufiger in stabileren Gruppen. Das Epipaläolithikum wird üblicherweise auf etwa 14 000 bis 12 000 Jahre datiert. Auf ungefähr dasselbe Alter werden auch die Ritzungen von Addaura geschätzt.

Einer der zentralen Punkte des Komplexes ist die Grotte, die als die „Grotte der Inschriften" bekannt ist. In ihrem tiefsten Bereich, in einer Höhe von etwa zwei bis drei Metern über dem Boden, befindet sich der Hauptfries — ein langes Band von Darstellungen. Er erstreckt sich über rund 2,5 Meter, und die Figuren sind diagonal angeordnet. Auf dem Fries unterscheidet man 17 menschliche Figuren und 15 Tiere.

Ein Teil der Linien überlagert andere. Das zeigt, dass die Darstellungen nicht gleichzeitig entstanden: Später wurden der Komposition neue Figuren hinzugefügt oder ältere überarbeitet. Für die prähistorische Kunst ist das ein üblicher Vorgang: Der Fels wurde über einen langen Zeitraum genutzt und bewahrte die Spuren verschiedener Etappen derselben Tradition.

Der britische Historiker Alan Bullock schrieb in einer seiner Arbeiten:

„Die Vorgeschichte zeigt, dass bereits im Zeitraum von 9660 bis 5000 v. Chr. die mesolithische Felskunst an den Höhlenwänden Siziliens Szenen homosexueller Beziehungen darstellte."

— Alan Bullock, britischer Historiker

Die Szene, die Bullock beschreibt, ist in der wissenschaftlichen Literatur als die „Akrobaten von Addaura" bekannt. Gerade sie löst die größten Debatten aus: Was genau ist auf dem Fries dargestellt? Eine Gruppe von Forschern sieht darin einen sexuellen Kontakt zwischen Männern. Eine andere hält die Szene für ritueller Natur — etwa in Verbindung mit einem Opfer oder einer Prüfung.

Teil des Frieses mit der Szene, Durchzeichnung
Teil des Frieses mit der Szene, Durchzeichnung

Auf dem Fries finden sich viele Tiere: Stiere, Wildpferde, Hirsche. Doch das Zentrum der Komposition nimmt gewöhnlich eine Gruppe menschlicher Figuren ein.

Die beiden zentralen Figuren, die „Akrobaten" genannt werden, sind mit erigierten Penissen dargestellt. Ihre Körper sind stark gekrümmt, was der Szene ein angespanntes und dynamisches Aussehen verleiht, als sei ein Augenblick der Handlung festgehalten. Um sie herum stehen weitere Menschen und bilden einen Kreis. Ein solcher Ring um ein zentrales Geschehen wird in der Regel als Hinweis auf ein Ritual oder eine bedeutungsvolle Handlung gedeutet — nicht als alltägliche Zufallsszene.

Die zeitgenössische italienische Forscherin Paola Budano analysierte die den Mittelpunkt umgebenden Figuren im Detail: die Stellung der Beine, die Richtung der Arme, das Vorhandensein von Schmuck. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auch auf Masken mit langen Vogelschnäbeln. Ihrer Deutung zufolge könnten diese Gestalten an einem Tanz teilnehmen, also an einer Zeremonie, in der Bewegung und Kostüm eine wichtige Rolle spielen. Die Haltungen der Figuren wirken wie eine Abfolge von Gesten, als hätte der Künstler Schritte oder Bewegungsphasen festgehalten.

Alle umgebenden Figuren ähneln einander: annähernd gleich groß, ähnlich gebaut, unbekleidet. Was auf ihren Köpfen zu sehen ist, wirkt ebenfalls einheitlich: Es können Frisuren oder Kopfbedeckungen sein. Ein Teil der Gestalten trägt Masken mit „Schnabel", aber nicht alle.

Unter den Figuren rund um die beiden „Akrobaten" unterscheidet Budano zwei oder drei weibliche. Eine davon ließe sich auch als männlich deuten, da es an eindeutigen Merkmalen mangelt. Die weiblichen Figuren erkennt sie am Fehlen männlicher Genitalien, an weicheren Konturen von Brust und Bauch und an einer weniger „muskulösen" Zeichnung. Wichtig ist auch: Diese Figuren stehen aufrecht und unbeweglich. Das kann bedeuten, dass sie nicht tanzen, sondern beobachten oder auf andere Weise teilnehmen.

Der Ort des Geschehens bleibt unklar. Es gibt zwei Hauptversionen: Der Ritus fand entweder im Freien statt, worauf die große Zahl der Tiere in der Nähe hindeuten könnte, oder im Innern der Grotte, da die gesamte Komposition an der Wand in der Tiefe angebracht ist.

„Akrobaten"
„Akrobaten"

Nun zu den beiden zentralen Figuren im Einzelnen.

Die obere Figur. Der Mensch ist in einer ungewöhnlichen, nahezu gebrochenen Haltung dargestellt: Die Beine sind nach hinten gebogen, die Füße zum Gesäß angehoben. Nur der rechte Fuß ist sichtbar. Der Penis ist als erigiert dargestellt, doch es gibt eine andere Deutung: Es könnte sich nicht um Genitalien handeln, sondern um einen länglichen Gegenstand zwischen den Beinen, der über die Gesäßlinie hinausragt. In diesem Fall ließe sich der rechte „Fuß" als Teil dieses Gegenstands und nicht als Bein deuten.

Die Taille ist betont, der Oberkörper nach hinten durchgebogen. Die Arme sind nach vorn gestreckt und wirken für den Körper zu lang. Die Hände laufen zu einer Spitze zusammen, und diese Spitze überlagert die Beine der unteren Figur. Auf Schulterhöhe sind Linien zu sehen, die sich mit einem Einschnitt verbinden, der den Oberkörper diagonal durchquert und zum Gesäß führt. Es kann sich um ein Element einer rituellen Kleidung, Riemen oder ein konventionelles Zeichen handeln. Der Kopf ist nicht vollständig bedeckt, doch ein „Vogelschnabel" ist erkennbar — weniger ausgeprägt als bei einigen der umgebenden Figuren. Das rechte Auge scheint durch einen Schlitz angedeutet zu sein.

Die untere Figur. Sie wird teilweise von der oberen verdeckt, daher sind weniger Details sichtbar. Die Beine sind gebeugt, aber nicht vollständig lesbar. Die männlichen Genitalien sind deutlich dargestellt, der Penis erigiert. Von der Genitalregion gehen zwei parallele Linien aus, die sich auf der gegenüberliegenden Seite des Körpers fortsetzen. Es kann sich um ein kompositorisches Mittel, Riemen, Seile oder ein symbolisches Detail handeln.

Die Taille ist einfacher wiedergegeben als bei der oberen Figur: Von den Schultern zu den Beinen verläuft eine fast gerade Linie. Die Arme sind ebenfalls nach vorn gestreckt, aber kürzer und dicker als bei der oberen Figur, und enden gleichfalls in einer Spitze. Der Hals ist durch ein Bündel auseinanderlaufender Linien gekennzeichnet. Das Gesicht ist nicht gezeichnet. Das Haar ist mit wenigen Strichen angedeutet, obwohl es eine Version gibt, wonach es sich nicht um Haar, sondern um eine Kopfbedeckung handelt.

Theorien

Die Forscher, die sich mit diesen Ritzungen befassen, debattieren vor allem über die beiden zentralen Figuren. Die Deutung der gesamten Szene hängt davon ab, was diese liegenden oder „abgelegten" Gestalten tun. Ihre nahezu horizontalen Körper wirken ungewöhnlich, weshalb mehrere konkurrierende Deutungen entstanden sind.

Homoerotik

Ein Teil der Forscher, darunter die Entdeckerin Jole Bovio Marconi, sah in den beiden zentralen männlichen Figuren zunächst ein homoerotisches Motiv — eine Szene, die mit sexueller Anziehung zwischen Männern verbunden ist. Diese Deutung ist besonders in Texten zur Queer-Geschichte verbreitet.

Sie wird gewöhnlich so zusammengefasst: Um zwei Männer steht eine Gruppe von Menschen; die zentralen Figuren haben erigierte Penisse. Auf den Körpern sind parallele Linien zu erkennen, die als Linien beschrieben werden, welche Hals, Gesäß, Knöchel und Genitalbereich verbinden. Eine davon wird manchmal symbolisch gedeutet — als „männliche Energie" oder sogar als Anspielung auf Ejakulation. In den kühnsten Nacherzählungen wird daraus eine rituelle Initiation mit sexuellem Unterton oder gar eine Orgie abgeleitet.

Die Schwachstelle dieser Deutung liegt darin, dass sie sich anhand eines einzigen Bildes nicht beweisen lässt. Die Szene kann ein frühes Beispiel homoerotischer Kunst sein, aber das bleibt eine Vermutung. Darüber hinaus sagte Bovio Marconi selbst später, dass die Bedeutung der Komposition insgesamt unklar sei.

Später unterstützte Marconi auch eine andere Deutung: Die zentralen Figuren könnten Akrobaten sein, die ein Kunststück vorführen. Sie gestand ein: „Jedenfalls ist die Bedeutung der Komposition nicht klar, und ich hoffe, dass andere eine Deutung finden, die mir entgeht."

Teil des Frieses mit der Szene
Teil des Frieses mit der Szene

Akrobaten

Eine andere Forschergruppe ist der Ansicht, dass es sich weder um Sex noch um eine Hinrichtung handelt, sondern um eine akrobatische Darbietung. Die Menschen sind in dem Moment eines komplexen Kunststücks dargestellt, bei dem der Körper absichtlich gekrümmt und in einer ungewöhnlichen Haltung gehalten wird.

Der italienische Forscher F. Mezzena schlug die Version der „fliegenden Akrobaten" vor. Seiner Meinung nach „schleudern" einige Teilnehmer einen Menschen in die Luft, während andere ihn auffangen, wie bei einer Gruppennummer. Ein wichtiges Detail dieser Deutung: Die betonten männlichen Merkmale, einschließlich der Erektion. Im Rahmen dieser Version werden sie nicht durch ein sexuelles Motiv erklärt, sondern durch eine Fruchtbarkeitssymbolik: In alten Kulturen wurden sexuelle Merkmale und Fruchtbarkeitsvorstellungen häufig in Riten verwendet, die der Sicherung des Fortbestands und des Wohlergehens der Gemeinschaft dienen sollten.

Diese Szene wird manchmal auch mit einer Initiation in Verbindung gebracht — einem Übergangsritus, bei dem eine Person von einem Status in einen anderen überführt wird, etwa vom Jugendlichen zum Erwachsenen oder vom Uneingeweihten zum Mitglied der Gruppe. Welcher Ritus genau gemeint sein könnte, ist jedoch unbekannt.

Als Argument für den rituellen Charakter der Szene werden gewöhnlich die „Vogel"-Masken angeführt — die Gesichter mit Schnäbeln. Sie werden als Teil einer Zeremonie verstanden: In Ritualen bedeutet eine Maske oft, dass der Teilnehmer vorübergehend nicht sich selbst verkörpert, sondern eine bestimmte Rolle — einen Geist, einen Ahnen oder ein Totemwesen. Der Vogel ist in solchen Vorstellungen häufig mit der Geisterwelt oder dem Übernatürlichen verbunden.

Zum Tode Verurteilte oder Opferung

Es gibt auch eine düsterere Deutung: Die zentralen Figuren seien Menschen, die getötet werden.

Anhänger dieser Version deuten die Linien am Körper als Seile. Ihrer Meinung nach verläuft ein Seil vom Kopf zu den Knöcheln: Der Körper ist gleichsam zusammengeschnürt, und die Haltung erinnert nicht an ein Kunststück, sondern an einen Zustand nach dem Verlust der Muskelkontrolle. Der Forscher A. C. Blanc vermutete in den 1950er Jahren, dass eine rituelle Hinrichtung dargestellt sei. Er stützte sich auf ethnografische Parallelen, also auf Beschreibungen von Riten bei verschiedenen Völkern, die in der Neuzeit dokumentiert wurden.

Nach Blanc sterben beide Figuren durch Selbststrangulation — Erstickung durch das Zuziehen des Seils, wenn der Mensch nicht mehr selbstständig atmen kann. Er brachte die Erektion ebenfalls mit dem Ersticken in Zusammenhang: Bei Erhängten kann tatsächlich eine anhaltende Erektion als physiologischer Effekt auftreten. Zusätzlich wies Blanc auf das Fehlen einer „Penishülle" hin — einer schützenden Lederhülle für das Geschlechtsorgan, die in einigen Kulturen vorkommt und manchmal in Darstellungen erscheint. Für ihn war dies ein Argument dafür, dass es sich nicht um eine Alltagsszene handelt, sondern um einen rituellen Tod.

Mit dieser Version verbunden ist die Hypothese eines Opfers. In diesem Fall „richten sich die zentralen Figuren nicht selbst hin", sondern sterben im Verlauf eines Ritus, der von einem Schamanen oder einem anderen rituellen Anführer geleitet wird. Der Forscher G. Bolzoni vertrat genau diese Deutungslinie. Er meinte, auf dem Fries sei eine Figur eines Mannes zu sehen, der einen anderen Menschen trägt. Den Getragenen verstand er als bereits tot: angeblich an Beinen und Hals gefesselt. Weiter schlug Bolzoni vor, den Fries als zwei nebeneinanderliegende Szenen zu lesen: in der Mitte die Tötung selbst, seitlich der Transport des Leichnams zur Begräbnisstätte.

Das Problem dieser Version liegt darin, dass das Bild nicht mit Sicherheit erkennen lässt, ob der zweite „Akrobat" tatsächlich als getragen dargestellt ist. Die Details lassen sich auf mehr als eine Weise lesen, und nicht alle Forscher akzeptieren eine solche Aufteilung des Frieses in zwei Szenen.

Menschliche Figur, die eine andere Person auf den Schultern trägt
Menschliche Figur, die eine andere Person auf den Schultern trägt

Ritueller Tanz

Paola Budano bietet einen weiteren Deutungsrahmen: weder Sex noch Tod, sondern ein kreisförmiger ritueller Tanz von Männern, der mit einer Initiation verbunden ist. In dieser Lesart sind die Randfiguren die Tänzer, und die zentralen Gestalten im Innern des Kreises drücken den Sinn des Ritus aus.

Wenn die zentralen Figuren tot sind, lässt sich der Tanz als symbolischer Übergang vom Leben zum Tod verstehen, also als ein Ritual, das mit der Grenze zwischen den Welten zusammenhängt. Wenn sie leben, kann die Szene das Erwachsenwerden bedeuten — den Übergang von der Kindheit zur Reife, also die Initiation.

Für die Initiationsversion verweist Budano auf Details, die bei den übrigen Figuren fehlen. Bei der oberen zentralen Figur etwa ist ein Auge hervorgehoben; das lässt sich als Zeichen eines „besonderen Blicks", eines geistigen Erwachens oder einer Statusänderung lesen. Ein weiteres solches Detail ist der erigierte Penis der zentralen Figuren, während die übrigen Teilnehmer des Kreises dieses Merkmal nicht zeigen.

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Trotz der Vielfalt der Deutungen bleibt das zentrale Motiv dasselbe: zwei Figuren mit betonter männlicher Sexualität. Deshalb vertreten viele Autoren weiterhin die Ansicht, dass die Szene ein sehr frühes — möglicherweise eines der ersten — homoerotischen Bilder in der Kunstgeschichte sein könnte.

Literatur und Quellen
  • Budano P. The Addaura Cave: Dance and Rite in Mesolithic Sicily, Open Archaeology, 2019.
  • Mussi M. Earliest Italy: An Overview of the Italian Paleolithic and Mesolithic, 2001.
  • Bolzoni G. Nuove osservazioni sulle incisioni della grotta Addaura del Monte Pellegrino (Pa), Atti della Società Toscana di Scienze Naturali, Serie A, 1985.
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