Iwan Dmitrijew, junge Günstlinge und gleichgeschlechtliches Begehren in den Fabeln «Die zwei Tauben» und «Die zwei Freunde»

Freund von Karamsin und Dershawin, Justizminister und Verfasser von Fabeln, in denen Freundschaft zu Männerliebe wird.

Inhalt
Iwan Dmitrijew, junge Günstlinge und gleichgeschlechtliches Begehren in den Fabeln «Die zwei Tauben» und «Die zwei Freunde»

Iwan Iwanowitsch Dmitrijew ist als bedeutender sentimentalistischer Dichter an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in die Geschichte eingegangen und zugleich als Staatsmann, der es bis zum Justizminister unter Alexander I. brachte. In den offiziellen Biographien erscheint er als strenger, rationaler Verwalter. Zugleich weisen Quellen und die Memoirentradition darauf hin, dass in seinem Umfeld regelmäßig junge, begabte Männer auftauchten. Sein Junggesellendasein, Gerüchte über die Art seiner Zuneigungen und das Fehlen öffentlicher Skandale ergeben das Bild eines Menschen, dessen Privatleben möglicherweise bewusst vor der Öffentlichkeit geschützt wurde, sich aber dennoch in indirekten Zeugnissen ablesen lässt.

Dmitrijew war zudem als Literat und Übersetzer bekannt, der in den adligen Kreisen viel gelesen wurde. In seinen Übersetzungen und Bearbeitungen wich er häufig vom Ausgangstext ab. Besonders aufschlussreich ist das Jahr 1795: In zwei Fabeln La Fontaines — «Die zwei Tauben» und «Die zwei Freunde» — verwandelte Dmitrijew durch Veränderungen am Original die Handlungen über «Freundschaft» faktisch in Werke mit einem spürbaren homoerotischen Subtext. Die vollständigen Texte beider Fabeln finden sich am Ende der Seite.

Biographie und historischer Kontext

Iwan Iwanowitsch Dmitrijew entstammte dem alten Adelsgeschlecht der Dmitrijews, das seine Herkunft von den Fürsten von Smolensk ableitete. Seine Mutter gehörte der einflussreichen und wohlhabenden Familie Beketow an. Der künftige Dichter wurde am 21. September 1760 auf dem väterlichen Gut im Dorf Bogorodskoje bei Sysran geboren. Seinen ersten Unterricht erhielt er zu Hause, dann besuchte er einige Jahre eine private Pension in Simbirsk und setzte anschließend seine Ausbildung unter der Leitung seines Vaters fort.

Unter Dmitrijews Lektüre ragten besonders die Abenteuer des Marquis G. von Prévost hervor. Der fünfte und sechste Band in Übersetzung gelangten jedoch nicht bis nach Simbirsk, sodass Dmitrijew zum Original griff. Zunächst las er Französisch mit Wörterbuch, dann beherrschte er die Sprache nach und nach fließend.

Seine Jugend fiel in eine schwierige historische Periode. Während des Pugatschow-Aufstands verließ die Familie das Gut und zog nach Moskau. Finanzielle Schwierigkeiten zwangen den Vater, seine Söhne in den Militärdienst zu geben. 1772 wurde Dmitrijew als Gemeiner in das Garderegiment Semjonowski eingeschrieben. Die Leibgarde war ein privilegierter Teil der russischen Armee und erfüllte neben militärischen auch höfische Aufgaben. Später brachte der Vater Dmitrijew nach Sankt Petersburg. Dort absolvierte er die Regimentsschule und erhielt seine ersten Offiziersränge.

Dmitrijews Dienst im Semjonowski-Regiment schlug sich in den Memoiren seiner Zeitgenossen nieder. Filipp Wigel hinterließ folgende Charakteristik:

«Als bei der Thronbesteigung Paul seinen Erben [Alexander] zum Chef des Semjonowski-Regiments ernannte, war Iwan Iwanowitsch Dmitrijew darin Hauptmann. Seine männliche Schönheit beeindruckte den jungen Mann; sein Witz unterhielt und fesselte die Regimentskameraden, während zugleich eine gewisse natürliche Würde in seiner Gegenwart übermäßige Ausbrüche ihrer Heiterkeit im Zaum hielt: Sie genossen ihn mit ehrfürchtigem Entzücken.»

— F. F. Wigel, Aufzeichnungen

Dmitrijews literarische Begabung zeigte sich früh. Bereits 1777, unter dem Einfluss des Journalisten und Verlegers Nikolai Nowikow, begann er Verse zu schreiben, vorwiegend satirische. Einen Teil der frühen Versuche vernichtete er später. 1783 lernte Dmitrijew Nikolai Karamsin kennen, einen entfernten Verwandten; bald wurde Karamsin sein enger Freund.

Ende der 1780er-Jahre fand Dmitrijew Anschluss an die literarischen Kreise. 1790 näherte er sich Gawriil Dershawin an, lernte den Dramatiker Denis Fonwisin und andere Schriftsteller kennen. 1791 veröffentlichte Karamsin Dmitrijews reife Werke im Moskauer Journal. Darunter war das Lied «Golubok» («Es seufzt das graue Täubchen»), das rasch populär wurde und bald eine musikalische Bearbeitung erhielt.

▶️ «Es seufzt das graue Täubchen» (YouTube)

Dmitrijews Haus wurde zum Treffpunkt junger Autoren. Der angehende Fabeldichter Iwan Krylow besuchte ihn. Dmitrijew las seine ersten Texte aufmerksam und wies ihn unumwunden auf die ihm gemäßeste Richtung hin, indem er bemerkte, dass die Fabeln seine wahre Berufung seien. Danach arbeitete Krylow beständig in dieser Gattung. Später, 1809, begegnete Dmitrijew dem jungen Alexander Puschkin und half bei dessen Aufnahme in das Lyzeum von Zarskoje Selo.

Auch Dmitrijews Beamtenlaufbahn verlief erfolgreich. 1806 übernahm er auf Einladung Kaiser Alexanders I. das Amt eines Senators. 1810 wurde er zum Justizminister ernannt. In diesem Amt bemühte er sich um die Ordnung des Justizsystems: Er verringerte die Zahl der Gerichtsinstanzen und arbeitete an einer Beschleunigung der Geschäftsgänge. Er hielt sich streng an die Dienstvorschriften und mied höfische Intrigen, was unweigerlich zu Konflikten mit einflussreichen Beamten führte. Schließlich wurden die ständigen Beschwerden zum Anlass seiner Entlassung, die Alexander I. mit sichtbarem Bedauern annahm.

Nach dem Ausscheiden aus dem Dienst ließ sich Dmitrijew in Moskau nieder, unweit der Patriarchenteiche. Dort leitete er eine Kommission zur Unterstützung der durch den Brand von 1812 geschädigten Einwohner. Für diese Arbeit erhielt er den Rang eines Wirklichen Geheimrats und den Wladimirorden erster Klasse. Damit war seine Staatslaufbahn faktisch beendet.

Die Zeitgenossen bemerkten an ihm eine eigentümliche Verbindung von Strenge und typisch herrschaftlich-russischem Lebensstil. Derselbe Wigel schrieb:

«Wie bei jedem ungewöhnlichen Menschen gab es in ihm viele Gegensätze: Alles an ihm war abgemessen, korrekt, ordentlich, ja geradezu steif, wie bei einem Deutschen; und doch waren seine Gewohnheiten und sein Geschmack ganz die eines russischen Gutsherrn (Barin): Kwas, Piroggen und vor allem Himbeeren mit Sahne waren sein Genuss. Er liebte auch Spaßmacher — aber in diese Rolle beförderte er gewöhnlich aufgeblasene Verseschmiede. Viele hielten ihn für einen Egoisten, weil er Junggeselle war und kühl wirkte. Er liebte wenige, aber liebte sie glühend; den Übrigen wünschte er stets Gutes — was kann man mehr von einem Menschenherzen verlangen?»

— F. F. Wigel, Aufzeichnungen

In seinen letzten Lebensjahren verließ Dmitrijew Moskau kaum noch. Er überarbeitete seine frühen Werke und arbeitete an Memoiren mit dem Titel Blick auf mein Leben. Iwan Iwanowitsch Dmitrijew starb am 15. Oktober 1837 in Moskau. Er wurde auf dem Friedhof des Donskoi-Klosters beigesetzt.

«Porträt von I. I. Dmitrijew», Dmitri Lewizki, 1790er-Jahre.
«Porträt von I. I. Dmitrijew», Dmitri Lewizki, 1790er-Jahre.

Dmitrijews mögliche Homosexualität

Unter der Herrschaft Alexanders I. bestand in der gehobenen Gesellschaft eine stillschweigende Duldung gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Öffentlich sprach man nicht darüber, doch in privaten Gesprächen war man darüber im Bilde. Zeitgenossen schrieben insbesondere einigen einflussreichen Würdenträgern homosexuelle Neigungen zu, darunter dem Fürsten Alexander Golizyn, dem Minister für geistliche Angelegenheiten.

In aristokratischen Kreisen waren gleichgeschlechtliche Beziehungen nicht selten mit Patronagepraktiken verflochten. Mächtige Adlige förderten junge Günstlinge und unterstützten deren Karriere. Die Gesellschaft betrachtete dies mit Ironie, vermied aber in der Regel laute Skandale. Den Zeugnissen der Zeitgenossen zufolge handelte Dmitrijew ähnlich. Offene Konflikte oder offizielle Anschuldigungen in Verbindung mit seinem Privatleben sind nicht überliefert.

Den Erinnerungen der Zeitgenossen zufolge war Dmitrijew während seiner Leitung des Justizministeriums meist von jungen und attraktiven Mitarbeitern umgeben. Das ausdrucksstärkste Zeugnis hinterließ Wigel, der die ersten Wochen Dmitrijews im Amt so beschrieb:

«Noch kein Monat war vergangen, seit Dmitrijew zum Justizminister ernannt worden war und bald in Petersburg eintraf; und er traf nicht allein ein, sondern brachte eine zwar kleine, aber auserlesene Schar mit sich. Drei junge Männer begleiteten ihn — Milonow, Grammatik und Daschkow; die beiden ersten waren eben erst Dichter, und der letzte war alles, was er nur zu sein wünschte.»

— F. F. Wigel, Aufzeichnungen

Unmittelbare Zeugnisse Dmitrijews selbst oder Dokumente, die seine homosexuellen Beziehungen eindeutig belegen würden, sind nicht erhalten. Gleichwohl erlauben zahlreiche indirekte Hinweise der Zeitgenossen die Vermutung homoerotischer Neigungen. Bekannt ist auch, dass Dmitrijew niemals heiratete.

In einer anderen Episode berichtet Wigel eine Geschichte, die zeigt, wie unwahrscheinlich den Zeitgenossen der Gedanke an eine Liebesbeziehung Dmitrijews zu einer Frau erschien:

«Dmitrijew war ein Freund Sewerins und mehr noch seiner Frau, die weit klüger und gebildeter war als ihr Mann. Daraus schloss man, er sei ihr Liebhaber, und schrieb ihm sogar Vaterrechte an dem von ihr geborenen Sohn zu, obwohl sie bucklig und wirklich hässlich war. Das war eine glatte Lüge, keine Verleumdung: denn niemand dachte daran, Dmitrijew für ein solches galantes Abenteuer zu verurteilen.»

— F. F. Wigel, Aufzeichnungen

Diese Episode spiegelt eine unter den Zeitgenossen verbreitete Überzeugung wider: Gerüchte über Dmitrijews Liebesbeziehungen zu Männern klangen deutlich glaubwürdiger als Vermutungen über Beziehungen zu Frauen.

Das gleichgeschlechtliche Begehren in Dmitrijews Poetik

Die wichtigste Quelle indirekter Hinweise auf Dmitrijews mögliche Homosexualität sind seine eigenen Texte. In den meisten Gedichten wahrte er ein äußerlich untadeliges Bild und folgte den Normen der sentimentalistischen Poetik. Sein lyrisches Ich sehnte sich gewöhnlich nach einer konventionellen Herzensdame, die meist Chloe oder Phyllis hieß. Das muss nicht unbedingt auf Heuchelei hindeuten: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde ein Doppelleben als recht verbreitetes Phänomen angesehen.

In jener Epoche wurde übersetzte Literatur häufig zum Mittel, unterdrücktes gleichgeschlechtliches Begehren auszudrücken. Angehörige der russischen Elite, die des Französischen und Deutschen mächtig waren, konnten in einen Text, der formal als fremdes Werk galt, eigene Bedeutungen einschleusen. Die Übersetzung ermöglichte es, zusätzliche Bedeutungsnuancen und Emotionen zu vermitteln, ohne den Schutz des Originals zu verlassen.

Der Übersetzungswissenschaftler Sergei Tjulenew verglich in seiner Studie Übersetzen als Schmuggel Dmitrijews Fabelübersetzungen mit dem heimlichen Transport verbotener Waren. Äußerlich wirken solche Texte vertraut und zurückhaltend, doch in ihrem Inneren enthalten sie neue sinnhafte Akzente, die im fremdsprachigen Original fehlen. In solchen Fällen griff der Übersetzer aktiv in das Material ein: Er verteilte die Intonationen neu, veränderte Bilder und fügte seine eigene Haltung gegenüber dem Geschehen hinzu. Zugleich blieb Dmitrijew, wie der Forscher formulierte, gleichsam im Schatten. Seine Beteiligung war nirgends ausdrücklich benannt, doch ein aufmerksamer Leser konnte die Gegenwart des Autors in Stil und Detailwahl spüren. So wurde die Übersetzung zu einer Hülle, die es dem Dichter ermöglichte, Zensur und gesellschaftliche Beschränkungen zu umgehen.

Ein charakteristisches Merkmal von Dmitrijews Dichtung ist, dass die Welt seiner Werke nahezu ausschließlich von männlichen Figuren bevölkert ist. Dies fällt besonders in Texten auf, in denen der Autor in der Wahl seiner Helden frei ist. So scheint in der Nachdichtung «Golubok», die nach Motiven des antiken Dichters Anakreon entstand — der unter anderem über die Liebe zwischen Männern schrieb —, die Wahl der Quelle nicht zufällig. In diesem Gedicht unterhält sich der Held mit einem Täubchen, das er «schön» und «duftend wie eine Rose» nennt. Der Vogel erzählt, dass Venus ihn Anakreon für seine Verse geschenkt habe und dass er nun Briefe vom Dichter an seinen geliebten Knaben Bathyllos trage. Das Täubchen bekennt auch, dass es die Freiheit, die der Herr ihm anbietet, nicht annehmen will, weil es lieber in seiner Nähe bleibt. Die einzige weibliche Figur im Text — Venus — tritt als abstraktes mythologisches Symbol der Liebe auf.

Ein weiteres Beispiel ist die Bearbeitung eines Fragments aus Macphersons Gedicht Liebe und Freundschaft. Dmitrijew schildert die Freundschaft zweier Jünglinge, die in dasselbe Mädchen verliebt sind. Im Lauf der Zeit bittet einer den anderen, ihn zu töten, und erklärt, dass er «so» nicht mehr leben könne. Am Ende sterben beide Helden gemeinsam. Ihre «Freundschaft» erweist sich als wichtiger als die Liebe zu einer Frau.

Trotz eines öffentlich aufrecht erhaltenen heterosexuellen Images enthält Dmitrijews Werk auch zwei Texte, die einer vergleichsweise direkten Gefühlsäußerung am nächsten kommen. Es handelt sich um seine Bearbeitungen zweier Fabeln La Fontaines — «Die zwei Tauben» und «Die zwei Freunde». Bei La Fontaine sind es Geschichten über Freundschaft. Bei Dmitrijew erhalten sie eine deutlichere homoerotische Färbung und werden zu Texten über die romantische Verbundenheit zweier Männer.

Die Fabel «Die zwei Tauben» mit homoerotischem Subtext

Dmitrijews Fabel «Die zwei Tauben» ist eine Übersetzung von Jean de La Fontaines «Les deux Pigeons». Die Gestalt des französischen Fabeldichters verband sich für Dmitrijew vermutlich mit der Philosophie der Freidenker, der das Streben nach Freiheit und die Kritik an gesellschaftlichen Konventionen eigen waren. Zugleich konnte La Fontaines Name als zuverlässige Deckung dienen, da der französische Autor längst zum anerkannten Kanon gehörte.

Aufschlussreich ist schon die Textwahl selbst. Dmitrijew übersetzte nicht alle Werke La Fontaines, sondern nur ausgewählte. Daher ist es bedeutsam, dass er sich gerade diesen beiden Fabeln zuwandte. Die Handlung der ersten sieht folgendermaßen aus: Im Mittelpunkt stehen zwei Tauben, die seit Langem zusammenleben und einander eng verbunden sind. Eine langweilt sich im eintönigen Alltag und beschließt, auf Reisen zu gehen. Die andere versucht, sie zurückzuhalten, fürchtet die Trennung und mögliches Unglück — doch vergeblich. Bald durchlebt der Reisende eine Kette von Gefahren: Ein Gewitter überrascht ihn, er verfängt sich in einem Netz, entgeht knapp einem Falken, verletzt sich den Flügel, und dann wirft ein Junge einen Stein nach ihm. Erschöpft und beinahe verkrüppelt kehrt die Taube schließlich nach Hause zurück. Die Fabel schließt mit einer Moral: Menschen, die durch Liebe verbunden sind, sollten das Glück nicht in der Ferne suchen, denn an der Seite des geliebten Wesens gewinnt jeder gelebte Augenblick bereits einen neuen Sinn.

Dmitrijews Übersetzung kommt stellenweise eher einer Nachdichtung als einer wörtlichen Wiedergabe gleich. Er erweitert die Handlung merklich, was auf eine persönliche Anteilnahme des Übersetzers hindeuten kann. La Fontaine hat 83 Verse, Dmitrijew kommt auf 106, und die russische Fassung enthält zahlreiche hinzugefügte Details. Schon der Anfang ist bezeichnend: Anstelle der knappen Wendung, dass «zwei Tauben sich zärtlich liebten», bietet Dmitrijew eine ausführliche Schilderung des gemeinsamen Lebens: «Zwei Tauben waren Freunde, lebten seit Langem zusammen; und aßen, und tranken».

Auch der Ton verändert sich. Im Original hört der reiselustige Täuberich einen Vorwurf, der durch das höfliche französische «vous» und das neutrale Wort «frère» geprägt ist. Im russischen Text erscheint das intimere «du» und die Verkleinerungsform «bratets moi» (wörtlich «mein liebes Brüderchen»): «Oh, liebes Brüderchen, womit hast du mich getroffen! Ist es leicht, getrennt zu sein?.. Dir fällt es leicht, du Grausamer! Ich weiß; ach! aber mir… mir wird, vor tiefem Kummer, kein einziger Tag vergehen…». Die Repliken werden länger und emotional dichter.

Insgesamt klingt die russische Fassung expressiver als das Original. Das französische imprudent voyageur — «unvorsichtiger Reisender» — gibt Dmitrijew mit den Worten «Narr» und «Ränkeschmied» wieder. Auch die Abschiedsszene bekommt einen anderen Charakter: Bei La Fontaine weinen die Tauben und sagen einander «adieu», also «Lebewohl». Bei Dmitrijew sprechen sie überhaupt nichts aus. Anstelle förmlicher Worte, die schlecht zum Ernst der Szene passen, blicken die Vögel einander an, berühren sich mit den Schnäbeln, seufzen und trennen sich.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die «weibliche Linie» in dieser auf den ersten Blick rein männlichen Geschichte. In der Originalfabel gibt es eine dritte männliche Taube, die der Reisende bei verstreutem Weizen antrifft. In Dmitrijews Fassung wird diese Figur zu einem Taubenweibchen. Anschließend gerät der Wanderer in eine Falle, und gerade das Weibchen auf dem Feld dient als Köder. Im russischen Text übernimmt also bereits eine weibliche Figur die Rolle der Lockung. Das wirft die Frage nach der Absicht des Übersetzers auf: Wollte er die Episode dem Leser vertrauter machen, oder drückte er mit dieser Änderung seine eigene Haltung gegenüber weiblichen Figuren aus?

Eine weitere weibliche Gestalt tritt als Geliebte des Erzählers auf. Sie ist namenlos und gehört einem konventionellen poetischen Typus an, der an Chloe, Lisa, Venus oder Fortuna aus anderen Dmitrijew-Gedichten erinnert, in denen eine idyllische, wenn auch recht farblose Liebe zwischen Mann und Frau dargestellt wird. Vor diesem Hintergrund hebt sich das Paar der beiden männlichen Tauben, die «seit Langem zusammen» leben, besonders ab. Ihre Geschichte, wie sorgfältig sie auch hinter der Maske der Fabel verborgen sein mag, liest sich beharrlich als eine zärtliche, zutiefst «vermenschlichte» Romanze.

Die Fabel «Die zwei Freunde»: idealisierte männliche Nähe

Die Fabel «Die zwei Freunde» ist ebenfalls eine Übersetzung La Fontaines. Im Zentrum der Handlung stehen zwei Freunde, die so eng verbunden sind, dass sie sich kaum voneinander trennen und, wie der Erzähler bemerkt, ständig dasselbe denken. Eines Nachts träumt einer von ihnen, dass sein Gefährte traurig sei. Erschrocken eilt er mitten in der Nacht zu ihm, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung ist. Der Geweckte glaubt, es sei ein wirkliches Unglück geschehen, und bietet sofort jede erdenkliche Hilfe an: Geld, eine Waffe oder jede Tat, die retten könnte. Dann gesteht der Erste, dass es kein Unglück gibt: Er hatte einfach einen beunruhigenden Traum und war voller Sorge herbeigeeilt, um nachzusehen, ob alles gut sei.

Der Vergleich des russischen Textes mit dem französischen Original zeigt, dass Dmitrijew aktiv in die Erzählung eingreift: Er präzisiert Details und verleiht dem Ton eine stärkere emotionale Intensität. Dadurch gewinnt die Fabel die Züge eines beinahe lyrischen Gedichts.

Eine der auffälligsten Änderungen ist das Weglassen des märchenhaften Rahmens, den La Fontaine vorgibt. Beim französischen Autor spielt die Handlung im Land Monomotapa — einem fiktiven exotischen Schauplatz. In Dmitrijews Fassung fehlt dieser Name. Der Übersetzer beschränkt sich auf einen unbestimmten Einstieg: «Vor langer, langer Zeit lebten irgendwo zwei Freunde…». Die Fabel hört auf, in eine konventionell ferne Welt zu verweisen, und erhält einen universelleren Charakter.

Das Thema der Nähe zwischen den Helden entwickelt Dmitrijew breiter als La Fontaine. Im französischen Text ist es knapp formuliert: «Alles, was dem einen gehörte, gehörte auch dem anderen; / die Freunde jenes Landes / gelten, sagt man, mehr als die unseren.» In der russischen Übersetzung wird dieser Gedanke zu einer ausgedehnten Schilderung. Dmitrijew schreibt, die Freunde «teilten einen einzigen Gedanken, liebten ein und dasselbe / und zu jeder Stunde / ließen sie einander nicht aus den Augen; / alles gemeinsam; nur die Nacht allein trennte sie; / doch nein — auch nachts sprach Seele mit Seele». Drei Verse La Fontaines werden bei ihm zu fünf emotional dichten Versen.

Diese Erweiterung macht das Bild der Freundschaft konkreter und subjektiver. Bei Dmitrijew geht die Gegenseitigkeit über die alltägliche Nähe hinaus: Die Verbindung setzt sich selbst nachts fort, wenn «Seele mit Seele» im Traum spricht. Zugleich verzichtet der Übersetzer auf den Kontrast, den das Original vorgibt. La Fontaine stellt «jenes Land» dem «unseren» gegenüber und betont, dass eine so enge Freundschaft «bei uns» selten zu finden sei. Dmitrijew streicht diesen Gegensatz. Anstatt den Schluss zu ziehen, dass solche Freundschaft «in unserem Land» selten sei, verweilt er bei der gemeinsamen Lebensweise der Freunde und konzentriert sich auf das Bild einer idealen Männerfreundschaft.

Zugleich tilgt Dmitrijew Details, die er für überflüssig hält, und macht die Handlung dynamischer. In seiner Fassung verschwindet La Fontaines Frage: «Wer von ihnen liebte stärker, was meinst du, Leser?». In den Vordergrund rückt nicht der Vergleich des Zuneigungsgrads, sondern die Gegenseitigkeit der Gefühle.

Dieselben Veränderungen zeigen sich in der Moral. Bei La Fontaine ist sie in galant-ritterlicher Manier gehalten: «Was für ein Trost, einen wahren Freund zu haben; / er sucht eure Bedürfnisse in der Tiefe eures Herzens; / er erspart euch die Scham, / sie ihm selbst zu eröffnen; / ein Gedanke, eine Kleinigkeit, alles beunruhigt ihn, / wenn es um den geht, den er liebt.» Dmitrijew beseitigt diese stilistische Eleganz und macht das Fazit weniger abstrakt. Statt allgemeiner Betrachtungen über «Trost» zeigt er, was ein wahrer Freund konkret tut, und vermittelt das durch erkennbare Verhaltensmuster. Der Schluss — «Ein Freund im Herzen, ein Freund im Sinn — und derselbe Freund auf den Lippen!» — nimmt aphoristische Form an. Dmitrijew besteht auf der Idee der vollkommenen Offenheit des einen gegenüber dem anderen.

Dmitrijews Emotionalität zeigt sich auch auf der Ebene der Interpunktion. Wo bei La Fontaine kein einziges Ausrufezeichen steht, enthält die russische Übersetzung sechs. Im französischen Text herrschen lange, gemessene Sätze vor. Bei Dmitrijew, besonders in der Szene des nächtlichen Besuchs, erscheinen kurze, beinahe bühnenreife Repliken. Er verwendet sogar einen unvollendeten Satz, um den Eindruck natürlicher gesprochener Rede zu verstärken. Im russischen Text duzen sich die Figuren, während im Original das förmlichere «vous» verwendet wird.

Dmitrijew ändert auch ein auf den ersten Blick nebensächliches Detail, das den Gesamtton der Geschichte jedoch merklich beeinflusst. Bei La Fontaine bietet der Mann, der seinen Freund weckt, drei Arten von Hilfe an: Geld für den Fall eines Spielverlusts, seinen Arm und sein Schwert, falls jemand ihn beleidigt hat, und eine schöne Sklavin, in der Annahme, der Freund leide unter Einsamkeit. Dmitrijew behält nur die ersten beiden Angebote bei und streicht das dritte.

So schmuggelt Dmitrijew in seiner Übersetzung der Fabel La Fontaines erneut — unbemerkt, gleichsam «als Konterbande» — seine eigene Weltsicht in den Text ein. Er durchsetzt ein Werk, das ursprünglich frei von homosexuellen Untertönen war, mit Elementen seiner eigenen sexuellen Identität. Diese Elemente treten nicht offen zutage, sondern durch kleine Verschiebungen, Auslassungen und Verstärkungen, die in ihrer Gesamtheit die bedeutungs- und emotionale Struktur der Fabel merklich verändern.

***

Die meisten Forscher der LGBT-Geschichte und Literaturwissenschaft stimmen darin überein, dass Dmitrijew höchstwahrscheinlich homosexuell oder bisexuell war, obwohl er dies nie öffentlich bekannt hat. Einerseits bekleidete er ein hohes Staatsamt und genoss Anerkennung als Literat. Andererseits musste er sein Privatleben verbergen — was für seine Epoche weitgehend unvermeidlich war.

Äußerlich folgte Dmitrijew den herrschenden Normen. Doch nach Ansicht der Forscher gelang es ihm, der Nachwelt eine Art «verschlüsseltes» Bekenntnis zu hinterlassen, verborgen in seinen übersetzten Gedichten.

Eine allgemeine Würdigung seiner literarischen Bedeutung gab Filipp Wigel:

«Als Dichter wird er auf dem russischen Parnass stets einen bemerkenswerten Platz einnehmen. Vor ihm lasen die Leute von Welt und die Frauen keine russischen Verse oder verstanden sie, wenn sie sie lasen, nicht.»

— F. F. Wigel, Aufzeichnungen

Die zwei Freunde

Vor langer, langer Zeit lebten irgendwo zwei Freunde,
Sie teilten einen einzigen Gedanken, liebten ein und dasselbe,
Und zu jeder Stunde
Ließen sie einander nicht aus den Augen;
Alles gemeinsam; nur die Nacht allein trennte sie;
Doch nein — auch nachts sprach Seele mit Seele.
Einmal hatte einer einen schrecklichen Traum;
Im Nu war er aus dem Haus,
Läuft aufgeregt zum Freund
Und weckt ihn. Jener springt auf.
«Welchen Dienst verlangst du? —
Sprach er verwirrt. —
So früh hat mein Freund mich noch nie geweckt!
Was bedeutet dein Kommen? Hast du beim Kartenspiel verloren?
Hier ist mein ganzes Geld! Hat jemand dich gekränkt?
Hier ist mein Degen! Ich eile hin — ich sterbe, oder du bist gerächt!»
— «Nein, nein, ich danke dir; weder das eine noch das andere, —
Erwiderte der zärtliche Freund, — bleib du in Ruhe:
Ein verfluchter Traum ist an allem schuld!
Im Morgengrauen träumte mir, mein Freund sei traurig,
Und ich… ich war darüber so bestürzt,
Dass ich sogleich erwachte
Und zu dir lief, um mein Gemüt zu stillen.»

Was für ein unschätzbares Geschenk — ein aufrichtiger, herzlicher Freund!
Er sucht nach jeglichem Mittel, dir zu dienen:
Er errät den Kummer, kommt dem Unglück zuvor;
Eine Kleinigkeit, ein Traum, ein Nichts — und schon fürchtet er um dich;
Ein Freund im Herzen, ein Freund im Sinn — und derselbe Freund auf den Lippen!

<1795>

Die zwei Tauben

Zwei Tauben waren Freunde,
Lebten seit Langem zusammen,
Und aßen, und tranken.
Eine wurde es müde, stets dasselbe zu sehen;
Sie beschloss, sich umzutun, und vertraute es dem Freund an.
Dem war die Nachricht wie ein Messerstich;
Er erschrak, vergoss Tränen
Und rief dem Freund zu:
«Erbarmen, Brüderchen, womit hast du mich getroffen?
Ist es leicht, in der Trennung zu sein?.. Dir fällt es leicht, du Grausamer!
Ich weiß; ach! aber mir… mir wird, vor tiefem Kummer,
Kein einziger Tag vergehen… und bedenke doch,
Ist dies die Zeit, auf Reisen zu gehen?
Warte wenigstens auf die Zephire, liebes Täubchen!
Wozu die Eile? Wir werden noch Zeit haben, uns zu trennen!
Eben erst hat der Rabe gekrächzt,
Und zweifellos — ich fürchte mich über alle Maßen! —
Hat er irgendeiner Vogelplage Unheil vorhergesagt,
Und ein Herz im Kummer glaubt umso mehr daran!
Wenn ich von dir getrennt bin,
Wird mir jeder Tag mit Unheil drohen:
Bald ein kühner Habicht, bald grausame Jäger,
Bald Milane, bald Schlingen —
Alles Böse wird mir das Herz in Erinnerung rufen.
Ach, weh mir! — werde ich seufzend sagen — es regnet!
Ist mein Freund gesund? Leidet er etwa Kälte?
Leidet er Hunger?
Und was werde ich mir da nicht alles einbilden!»
Für Narren ist das kluge Wort wie Wasser im Bächlein:
Es murmelt und fließt vorbei.
Der Ränkeschmied lauscht, seufzt,
Und will dennoch fliegen.
«Nein, Brüderchen, so sei es! — sprach er. — Ich fliege!
Doch glaube mir, ich will dich nicht betrüben;
Weine nicht; drei Tage gehen hin, und ich bin wieder bei dir,
Um zu picken
Und zu gurren
Wieder unter einem Dach;
Ich werde dir abends zu erzählen beginnen —
Denn ohnehin wird alles auf dasselbe hinauslaufen —,
Was ich sah, wo ich war, wo es gut, wo es schlecht war;
Ich werde sagen: dort war ich, dieses Wunder sah ich,
Und dort geschah mir jenes,
Und du, mein Freundchen,
Wenn du mir zugehört hast, wirst du bis zum Sommer so bewandert sein,
Als wärst du selbst durch die weite Welt gewandert.
Leb wohl!» — Bei diesen Worten
Statt aller «Ach!» und «Oh!»
Blickten die Freunde einander an, berührten sich mit den Schnäbeln,
Seufzten und trennten sich.
Einer, den Schnabel hängend, setzte sich;
Der andere flatterte auf, erhob sich, fliegt, fliegt wie ein Pfeil.
Und gewiss hätte er in seinem Eifer das Ende der Welt erreicht;
Doch plötzlich bedeckte sich der Himmel mit Düsternis,
Und geradewegs dem Wanderer in die Augen
Schlug aus der Wolke Platzregen, Hagel, Wirbelwind — mit einem Wort —
Mit seinem ganzen Gefolge, wie es sich gehört, das Gewitter!
In solch einem Fall — gefährlich, wenngleich nicht neu —
Setzt sich das Täubchen eilig auf einen Ast
Und ist noch froh, nur nass geworden zu sein.
Das Gewitter ließ nach, das Täubchen trocknete sich
Und machte sich wieder auf den Weg.
Es fliegt und sieht von oben
Verstreute Hirse und daneben — ein Taubenweibchen;
Es lässt sich nieder und im Nu
Verfängt es sich im Netz; doch das Netz war schlecht,
So bewaffnete es sich mit dem Schnabel dagegen;
Bald mit dem Schnabel, bald mit dem Füßchen ziehend, ziehend, befreite es sich
Aus dem Netz ohne Schaden,
Nur mit dem Verlust einiger Federn. Doch ist das ein Unglück?
Um das Grauen zu mehren,
Tauchte plötzlich ein Falke auf und griff mit voller Wucht
Den armen Kerl an,
Der, wie ein Verbrecher in Ketten gelegt,
Ein Stück Schnur mit Netzresten hinter sich herschleppte.
Doch zum Glück stieg ein Adler mit breiten Schwingen
Dem Falken aus den Wolken entgegen;
Und so, dank des zufälligen Zusammentreffens zweier Räuber,
Fiel unser Wanderer dem Falken nicht zur Beute.
Doch war er noch immer nicht aller Not ledig;
In Panik um Verstand und scharfes Auge gebracht,
Stieß er geradewegs gegen ein Dach
Und verrenkte sich den Flügel; dann warf ein Junge —
Offenbar verstand er sich auf Tauben und war nicht ohne Witz —
Aus Spaß ein Steinchen nach ihm
Und traf ihn so, dass er sich kaum erholte;
Dann… dann, sich selbst, das Schicksal, den Weg verfluchend,
Beschloss er, halbtot, halblahm, zurückzuhumpeln;
Und kam schließlich als Krüppel nach Hause,
Den Flügel schleppend und das Bein nachziehend.

Oh ihr, die der Gott der Liebe vereint hat!
Wollt ihr reisen? Vergesst den stolzen Nil
Und entfernt euch nicht weiter als bis zum nächsten Bach.
Was soll euch entzücken? Entzückt einander!
Möge einer im anderen zu jeder Stunde finden
Eine schöne, neue Welt, stets voller Abwechslung!
Gibt es in der Liebe auch nur einen Augenblick, in dem das Herz müßig ist?
Die Liebe, glaubt mir, wird euch alles ersetzen.
Ich selbst habe geliebt: damals hätte ich für eine einsame Wiese,
Erhellt durch die Gegenwart meiner Geliebten,
Nicht Marmorpaläste nehmen wollen,
Nicht ein Königreich in den Himmeln!.. Werdet ihr zurückkehren,
Minuten der Freude, Minuten des Entzückens?
Oder werde ich nur noch von der Erinnerung leben?
Ist die Zeit so süßer Verzauberungen wirklich vorbei,
Und ist es für mich an der Zeit, zu lieben aufzuhören?

<1795>

Literatur und Quellen
  • Baer B. J. Russian gay and lesbian literature. 2014. [Baer B. J. — Russische schwul-lesbische Literatur]
  • Дмитриев И. И. Басни («Два голубя», «Два друга»). 1800-е годы. [Dmitrijew, I. I. — Fabeln («Die zwei Tauben», «Die zwei Freunde»). 1800er-Jahre.]
  • Tyulenev S. Translation as Smuggling. 2010. [Tjulenew S. — Übersetzen als Schmuggel]
  • Вигель Ф. Ф. Записки. 1864. [Wigel, F. F. — Aufzeichnungen. 1864.]
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